Hier, bei mir...

Ich sitze wieder mal auf meinem Lieblingsplatz am Buschberg. Ein Berg, der für viele kein Berg ist, weil er nicht einmal 500 m Höhe schafft. Doch auf ihm befindet sich die niedrigst gelegene Alpenvereinshütte Österreichs. Also, für mich ist er mein Berg und er ist sehr beliebt. Heute ist ein Wochentag. Es ist Anfang Oktober, die Sonne ist angenehm warm und viele Leute tummeln sich auf "meinem" Berg. Das findet meine kleine Terrierhündin weniger prickelnd und knurrt vor sich hin, wenn sich mir jemand nur auf 10 Meter nähert. Sie würde nichts tun, es passt ihr nur nicht. Meiner Huskyhündin ist das egal. Sie findet jeden nett, also fast jeden.

 

Ich sitze hier und mach mir so meine Gedanken.

Worüber?
Sicher nicht über das Weltgeschehen. Das interessesiert mich nicht mehr. Ein inszeniertes Drama nach dem anderen und jeder, der es verfolgt, rutscht emotional und auf Dauer körperlich mit in den Sumpf. Super ungesund und fern der wirklichen  Realtität.

 

Nein, ich mach' mir Gedanken über mein Leben. Was ich denn leben möchte, wer ich sein will und was mir wichtig ist, noch zu erleben und was mich erfüllt. Immer wieder mal Gedanken- und Zieleinventur. Dabei ist es spannend zu beobachten, dass meine Tagesverfassung darauf Einfluss hat, was und wie schnell es sich aus mir heraus zeigt. Heute ist ein guter Tag dafür.

 

Und während ich so in mich gehe und mein Stift bereits 3 Blätter Papier mit meinen Gedanken vollkritzelt, beobachte ich die Menschen, die an uns vorbeigehen. Ich beobachte und fühle, ganz automatisch.
Interessant, wie manche versuchen, sich mit der Natur zu verbinden. Sie schauen in die Ferne, sehen die bunten Farben des Waldes, versuchen einzutauchen, doch es gelingt ihnen nicht so wirklich. Die Ablenkungen und die Stimmen im Kopf sind zu laut. Die Oberflächlichkeit hällt sie an der Oberfläche fest. Sie können nur mit ihren Sinnesorganen erfassen und hier nicht einmal mit allen. Sich von der Natur im Herzen berühren zu lassen, gelingt nur sehr wenigen.

 

Es ist so schade.
 

Wir haben uns entfernt, von uns selbst, der Natur und den Tieren, und genau deshalb das Gefühl für alle drei verloren. Unser Leben spielt sich meist vor den verschiedensten Bildschirmen und Displays ab. "Immer der Nase nach" bedeutet bei uns: "Immer schrägt nach unten" und wäre sehr gefährlich, wenn man dieser Nasenrichtung folgen würde. Das Sichtfeld und die Konzentration sind deutlich eingeschränkt bzw. fokusiert auf das, was uns nicht umgibt.
Wir haben uns von uns entfernt und sind auch dazu verleitet worden, in einer Welt zu leben, die es nur virtuell gibt.

 

Dabei gibt es doch nichts Schöneres, als hier zu sitzen. Mitten in der Natur, mit Papier und Stift, die Sinnesorgane und das Herz weit geöffnet, um alles wahrnehmen zu können und sich berühren zu lassen.

Und plötzlich landet eine Libelle auf meinem Block, als ob sie ihren "Senf" dazugeben möchte. Bitte schön! You are mentioned!


Letztens war ich in der Großstadt, also in Wien und ich muss zugeben, ich fühle mich dort überhaupt nicht wohl. Klar. als absolutes Landei mit Sucht nach Stille, Natur, Tierkontakt ist diese extreme Reizüberflutung all meiner Sinne die ... Hölle.

Es ist laut, es ist voll und die Menschen... Sie laufen manchmal wirklich wie Zombies durch die Straßen. Nur wenigen kommt ein Lächeln aus, wenn ich sie anlächle. Ja, ich lächle gerne Menschen an, weil es uns gut tut, nix kostet und für einen kleinen Moment die Stimmung heben kann. Meine Tiere können das natürlich besser und länger, aber die in der Stadt? Deshalb ist das dann allein mein Job, unseren "Auftrag" auch hier ein bisschen zu erfüllen.


Wie gesagt ist die Erfolgsquote sehr gering, denn die einen schauen nur auf ihr Smartphone und andere scheinen mit sich selbst zu sprechen (bis ich erkenne, dass sie telefonieren). Für mich ist alles sehr grau, manchmal bisschen bunt, aber unerträglich laut.

Der Trost in diesem für mich "too much" sind die alten Bäume in so manchen Parks, in die ich mich hineinflüchte, um es irgendwie auszuhalten. Riesige, alte Bäume, die schon so viel in dieser Stadt gesehen und erlebt haben. Was die sich wohl über uns denken und welche Geschichten sie zu erzählen hätten?

 

Ich bewundere die Tauben und all die anderen Tiere, die sich sichtbar oder unscheinbar hier tummeln. Wie halten die das aus?

Sind sie auch schon benebelt von all der Überreizung? Naja, Tiere leben im Moment und das ist ihr großer Vorteil. Die Tauben sitzen auf den alten, dicken Ästen und beobachten entspannt den Wahnsinn unter ihnen. Sie warten, bis irgendeiner von uns wieder mal ihren Park verschmutzt und etwas Essbares für sie dabei ist. Viele mögen die Tauben ja nicht so gern, weil sie alles ank.... usw. Wenn ich sehe, wie ungeniert Menschen ihren Müll aus dem Auto oder sonstwohin werfen, dann... Den Gedanken darfst du für dich weiterdenken, wenn du magst.

 

Auf jeden Fall weiß ich, dass das nicht meine Welt ist und nie sein wird. Zuviel Anonymität und Oberflächlichkeit, zuviel Lärm und zuviel Schnelligkeit, zuviel Gefühle und Energien die ich wahrnehme, aber nicht mehr differenzieren kann.

 

Ja, ich sitze lieber auf meinem Berg, umgeben von Hollunder, Wacholder und Haselnussstauden, Kiefern und anderen Nadelbäumen, Laubbäumen, Weißdorn und Wildrosen mit ihren knallroten Hagebutten. Ich höre den Bussard rufen und die Eichelhäher warnen.

Ach. so viel gibt es hier.

Ich bin verbunden und im Hier und Jetzt. Fern von so manchen neurotisch-verdrehten Menschen, die unreflektiert auf andere losgehen, nur um ihren eigenen Schmerz nicht fühlen zu müssen. Falls doch so jemand auftaucht, kümmert sich mein Terrier mit bisschen Knurren darum. ;)

 

Die Welt ist schon kurios und vielfältig, doch wir können uns aussuchen, wie wir, wo, mit wem, was leben möchten.

Da schließt sich wieder der Kreis und ich denke wieder über meines nach.

Ich blicke auf meine Hunde, die bunten Bäume und spüre den Wind auf meiner Haut.

Eigentlich ist alles in Ordnung, denn im Moment, jetzt gerade, ist immer alles in Ordnung, besonders hier auf "meinem" Berg.

 

Petra